| 
Die Dampflokomotive der Baureihe 98 zwischen
Wenzenbach
und Bernhardswald Foto: Privatarchiv Turnwald
|
Von Ralf Strasser, MZ
WENZENBACH. Das Bockerl schnauft und rattert durch die wild-romantischen
Wälder bei Wenzenbach. Weißer Qualm kommt aus dem Schornstein.
Der Lokomotivführer lässt das Dampfhorn ertönen, um
zwei Rehe von den Gleisen zu verscheuchen. Während die Passagiere
auf den Holzbänken ratschen oder die langsam vorbeiziehende Landschaft
beobachten, wacht der Schaffner derweil mit einem Auge darüber,
dass das Schild „Blumen pflücken während der Fahrt
verboten“ auch wirklich befolgt wird.
So oder ähnlich könnte es in verklärter Erinnerung
gewesen sein, als die Lokalbahn zwischen Regensburg und Falkenstein
noch regelmäßig Fahrgäste, Holz, Steine und Vieh beförderte.
Die Geschichte der Lokalbahn nach Falkenstein begann mit der Eröffnung
1913. Doch was wie eine Erfolgsstory aussah, konnte sich letztlich
gegen den modernen Individualverkehr nicht behaupten und endete am
2. Juni 1985 mit der Stilllegung der Bahnstrecke.
Aus der Bahnlinie ist ein Fahrradweg geworden. An den Bahnbetrieb
erinnern jedoch nicht nur die Kilometersteine, die dem Radler zuverlässig
alle 200 Meter begegnen, sondern auch einige noch erhaltene Bahnhöfe.
Ein besonderes Beispiel ist Hauzendorf, das von der Familie Forster
liebevoll renoviert und in einen „Radlbahnhof“ umgestaltet
wurde. „Dort wo jetzt der Biergarten ist, war früher ein
große Viehumladestation,“ weiß Bürgermeister
Xaver Graf aus Hauzendorf. An die Dampfnostalgie vergangener Tage
hat Graf noch viele ausgeprägte Erinnerungen: „Wenn man
aus Wenzenbach heraus durch´s Felsental fuhr, war das herrlich,
richtig abenteuerlich“, schwärmt er noch heute von der
reizvollen Streckenführung.
Nach zwölf Jahren Vorbereitung durch das „Eisenbahn-Comitee
Falkenstein“ wurde die Strecke nach einem Jahr harter Knochenarbeit
am 21. Dezember 1913 bei eisiger Kälte mit der ersten Fahrt eröffnet.
„Mein Großvater,“ erzählt der Ex-Eisenbahner
und Gemeinderat Helmuth Hartl aus Wenzenbach, „war beim Bau
der Strecke als Arbeiter dabei und das waren verwegene Burschen. Da
wurde schon mal gestreikt, wenn es kein Bier gab – bei einer
Bezahlung von umgerechnet 1 Euro und 50 Cent kein Wunder.“
Die Strecke boomte, zum Teil waren die Personenzüge zu 120 Prozent
ausgebucht. Der Landkreis war wirtschaftlich und kulturell an die
„große weite Welt“ angeschlossen. Auch für
den Tourismus sollte es wirtschaftliche Impulse geben. Helmuth Hartl
erinnert sich gerne an die „gute, alte Eisenbahnerzeit“
zurück. „Für mich war die Bahn als Jugendlicher eine
sportliche Herausforderung,“ sagt der heute 56-Jährige,
der in Wutzlhofen das Eisenbahnhandwerk von der Pike auf gelernt hat.
„Ich brauchte keine Fahrpläne. Immer wenn ich die Lok in
Bernhardswald pfeifen hörte, bin ich vom Schönberg zum Bahnhof
gelaufen, ich habe nie einen Zug verpasst.“
Mit der Zunahme des Individualverkehrs nahm die Anzahl der Passagiere
jedoch kontinuierlich ab, zuletzt waren es 172 Reisende die werktags
die Lokalbahn benutzten. Zu wenig, um die Strecke wirtschaftlich zu
erhalten, meinte die Deutsche Bahn. „Pausenlos wurde zugesperrt,
meistens hab´ ich buchstäblich als Letzter das Licht ausgemacht,“
erzählt Bahnpensionist Lorenz Auburger aus Hackenberg. „Zum
Schluss fuhr der Triebwagen nur noch bis Wenzenbach, ab da ging es
dann mit Bussen weiter.“
72 Jahre nach der Eröffnung kam das „Aus“, die Strecke
wurde stillgelegt. Die Deutsche Bahn begründete diese Entscheidung
mit „menschenleeren Geisterzügen“. Helmuth Hartl
hat bis zum Schluss gegen die Einstellung der Nebenbahn gekämpft.
„Man hat die Lage vollkommen falsch eingeschätzt. Heute
hätten wir eine funktionierende S-Bahnverbindung.“
Für viele ein bitteres Ende, doch für Wanderer, Spaziergänger
und Radfahrer auch eine Geschichte mit Happy End, schließlich
haben die „Vorwäldler“ einen der schönsten Radwege
Bayerns vor der Haustüre..
Bildquelle: „Das Falkensteiner Bockerl“ (erhältlich
im Buchverlag der Mittelbayerischen Zeitung
Mittelbayerische Zeitung vom 1.6.2005