Lokmagazin Februar 2007
Tragisches Ende
Falkensteiner Bockerl: Wa wäre gewesen
wenn ...?
Würden heute moderne Triebwagen nach Falkenstein
fahren, wenn man etwas geduldiger und weitsichtiger
gewesen wäre? Viele Fragen, viel Spekulation. Eines ist
sicher: Die Bahn würde nicht mehr so aussehen, wie 1984.

1982.08.11 Gfäll mit 212 218 im Bahnhof
(Kandler)
Sie war nur eine von vielen Lokalbahnen in Bayern,
die ehedem von Regensburg-Wutzlhofen in den Vorderen Bayerischen Wald
führende Stichstrecke nach Falkenstein. Und doch hat die im Volksmund
als „Falkensteiner Bockerl“ bezeichnete Bahn eine ganz
eigene Geschichte, die sich im Detail von anderen Strecken unterscheidet.
Nach zähem Ringen als letzte Lokalbahn in der Oberpfalz erst
spät realisiert, war sie zugleich die erste Verbindung, die in
ihrer Gesamtheit von der Landkarte verschwinden sollte. Am 22. Dezember
des Jahres 1913 in Betrieb genommen, wurde mit der Einstellung des
Personenverkehrs am 2. Juni 1984 nach sieben Jahrzehnten das unausweichliche
Ende des Bähnchens eingeläutet.
Ein Schicksal, das nahezu allen untergeordneten Stichstrecken widerfuhr,
und das beileibe nicht nur in der Oberpfalz. Waren doch die regionalwirtschaftlichen
Gründe, die lange Zeit als die existenzielle Basis der Strecken
galten, längst nicht mehr gegeben. Die Zeiten, da eine Lokalbahn
zur Verbesserung der Lebensbedingungen einer ganzen Region, wie dem
recht dünn besiedelten Landstrich um Falkenstein beitragen konnte,
gehörten spätestens mit der Individualisierung des Verkehrs
der Vergangenheit an.
Unabhängig davon: Was den schnellen Niedergang der Falkensteiner
Bahn betrifft, können sich in diesem Punkt nur wenige Strecken
mit ihr messen. Die formellen Schritte bis zum definitiven Ende durch
den Abriss wurden in Windeseile vollzogen. Der Bundesbahn war jedes
Mittel recht, sich derartige Verbindungen vom Hals zu schaffen. Beliebte
Methode war das gezielte Abwirtschaften der Strecken. Investitionen
in den Erhalt der Infrastruktur wurden vernachlässigt und Überlegungen
hinsichtlich einer Steigerung der Attraktivität erst gar nicht
angestellt. Über kurz oder lang führte diese Vorgehensweise
unweigerlich zur Stilllegung, denn hohe Investitionen in über
Jahrzehnte vernachlässigte Strecken waren dann kaum mehr gerechtfertigt.
Mit welch einer Zielstrebigkeit gerade die KBS 872 aus dem Kursbuch
getilgt und schließlich von der Landkarte radiert wurde, sucht
in dieser deutlichen Form doch seinesgleichen. Zwischen der Aufgabe
des Personenverkehrs über die Gesamtstilllegung bis hin zum Abriss
vergingen gerade einmal etwas mehr als zwei Jahre.

1981.05.19-Rossbach-798-656 hält im Bahnhof
(Kandler)
Bereits ein Jahr nach dem Ende des
Personenverkehrs erfolgte am 1. Juni 1985 die Gesamteinstellung zwischen
Wenzenbach und Falkenstein. Damit war auch der bis dahin verbliebene
Güterverkehr passé. Zuletzt fuhr die Übergabe noch
an drei Werktagen Falkenstein an (montags, mittwochs und freitags).
Dem danach noch im Auslaufbetrieb vorgehaltenen, 5,2 Kilometer langen
Streckentorso von Regensburg-Wutzlhofen nach Wenzenbach gab man ein
weiteres Jahr, bis am 1. Juni 1986 auch hier der Vorhang fiel. Damit
war der Weg frei für den Abriss der Strecke.
Nur sechs Wochen nach der kompletten „Endwidmung“ rückte
am 14. Juli 1986 der Gleisbauhof Augsburg mit schwerem Gerät
an, um unverrückbare Fakten zu schaffen. In der Vorhut hatte
man den Bahnhof Falkenstein bereits im April des Jahres seiner Gleise
entledigt. Im Laufe des Monats August stieß das „Abrisskommando“
bis nach Wenzenbach vor, um dann im November des Jahres auch den letzten
Meter Gleis zu entfernen.
Auch der Schotter rettet nichts
Wenige Jahre zuvor war vom Abriss der Strecke noch nicht einmal ansatzweise
die Rede gewesen, es wurde die Aufgabe des Personenverkehrs im oberen
Teilstück zwischen Roßbach-Wald und Falkenstein allenfalls
in Erwägung gezogen. Sorgte trotz des allgemein rückläufigen
Güterverkehrs doch allein schon ein unmittelbar am Bahnhof Roßbach-Wald
gelegenes Schotterwerk für stattliche Frachtraten, so dass selbst
für die ärgsten Skeptiker der Streckenerhalt zumindest bis
dorthin gesichert erschien.
Dass es überhaupt zu dem schnellen Ende kommen konnte, hatte dann
auch unterschiedliche Gründe. Hauptursache war freilich der drastische
Fahrgastschwund. Selbst wenn das Aufkommen mit einem so genügsamen
Triebfahrzeug wie dem Schienenbus abgewickelt wurde, rechnete sich der
Betrieb immer weniger. Waren es im Jahre 1973 im Schnitt noch 648 beförderte
Fahrgäste täglich, nahmen 1982 lediglich noch 172 Personen
das Angebot des schienengebundenen Personennahverkehrs in Anspruch.
Tendenz weiter rückläufig. Der parallele Bahnbusverkehr tat
ein Übriges, dass die Züge immer leerer wurden.

1983.10.14 Gfäll Schottetransport mit 211 317
(Kandler)
Auf den steten Abwärtstrend reagierte
die Bundesbahn immer nur unangemessen und tat vielmehr alles, auch den
letzten treuen Kunden durch ein grottenschlechtes Fahrplanangebot zu
vergraulen. Ein Blick in das Kursbuch vom Winter 1983/ 1984 auf die
dort letztmalig abgedruckte Tabelle der KBS 872 offenbart die Problematik
in aller Deutlichkeit. Nicht allein, dass hier die Wochenendruhe im
vollen Umfang zum Tragen kam, also samstags und sonntags die Räder
still standen, es verkehrten unter der Woche zwischen Regensburg und
Falkenstein lediglich zwei Zugpaare. Im Berufsverkehr kamen noch einige
Fahrten von und nach Wenzenbach bzw. Roßbach-Wald hinzu. Die Bahn
hatte der Entwicklung tatsächlich nur so viel entgegenzusetzen,
als dem schrumpfenden Fahrgastaufkommen mit einem derart kundenunfreundlichen
Fahrplan zu begegnen! Wer also um 11.38 Uhr von Falkenstein mit der
ersten Tagesverbindung in Regensburg eintraf, dem blieben gerade einmal
zwei Stunden für Besorgungen in der Domstadt, denn schon um 13.40
Uhr trat der letzte Zug die Rückreise gen Falkenstein an. Kundennähe
war für die Bundesbahn zumindest auf schwach frequentierten Nebenbahnen
geradezu ein Fremdwort. Ein solches Verhalten lässt sich auch nicht
mit der allzeit chronisch klammen Kassenlage des Staatsunternehmens
entschuldigen.

1981.12.28 218 011 hilft 798 734 durch den Schnee
(Kandler)

1984.06.01 Wutzlhofen ohne Beton und Mauern
(Kandler)

1986.07.22 Rossbach 290 331 und 211 088 im Bahnhof
(Kandler)
Zurückblickend betrachtet hätte
das „Falkensteiner Bockerl“ eine Chance verdient gehabt.
Was mit etwas Goodwill später plötzlich alles möglich
wurde, zeigte die Regionalisierung des Schienenpersonennahverkehrs.
Nur kam diese Entwicklung nicht nur hier gut ein Jahrzehnt zu spät.
Eingebunden in ein stimmiges Tourismus-Konzept (es darf nicht vergessen
werden, dass die Region um Falkenstein ein durchaus attraktives Urlaubsgebiet
darstellt), könnten womöglich noch heute die Züge den
Vorderen Bayrischen Wald ansteuern.
Auf kommunaler Ebene hat man die Entwicklung seinerzeit jedenfalls weitgehend
tatenlos hingenommen. Proteststürme lösten die Stilllegungsabsichten
der Bundesbahn jedenfalls nicht aus. Vielmehr hat es den Anschein, dass
der Abriss der Strecke gelegen kam und man nicht schnell genug auf der
frei werdenden Bahntrasse einen Radweg anlegen konnte, wie er zwischen
1987 und 1992 auch realisiert wurde. Nicht zufällig machten die
ersten dahingehenden Absichten schon die Runde, bevor überhaupt
der letzte Zug gefahren war.
Wenn der Bau des Radweges auch durchaus eine vorausschauende Entscheidung
war – liegt das Radwandern doch mehr denn je im Trend –
bleibt dennoch ein fader Beigeschmack. Hätte man den Versuch unternommen,
die für den Radwegebau ausgegebenen Gelder in Millionenhöhe
in den Erhalt der Bahn zu stecken, wäre der Abriss womöglich
vermeidbar gewesen. Der Fremdenverkehrsort Falkenstein, genauso wie
alle übrigen Anliegergemeinden, könnte womöglich noch
heute auf eine funktionierende Schienenanbindung nach Regensburg setzen.
Dass dies kein Wunschdenken ist, zeigt im Bayerischen Wald das Konzept
der „Zwieseler Spinne“, das die tot geweihten Lokalbahnen
nach Bodenmais und Grafenau allen Unkenrufen zum Trotz rettete.

1986.07.22 Arbeitstrupp zerschneidet Schienen bei Hetzenbach
(Kandler)
Einfach herrlich. Oder nur traurig? Der
letzte Personenezug N 6936 verläßt am 1. Juni 1984 Falkenstein.
Das Kursbuch vom Sommer 1984 verkündet die lapidare Botschaft.

1984.06.01 N6936 auf letzter Fahrt von Falkenstein
(Kandler)
Zeichen der Zeit verschlafen
Die Gemeinde Falkenstein hatte mit dem Bekanntwerden der Stilllegungsabsichten
nur eines im Sinn: Sich gleich mit der Bundesbahn in Verbindung zu setzen,
um das zentral gelegene, rund vier Hektar große Bahnhofsareal
zu erwerben. Ein städtebaulicher Wettbewerb sah dann wenigstens
die Bewahrung des Lokschuppens und der örtlichen Bahnbrücke
als Industriedenkmäler vor. Wurde der Lokschuppen, dessen Erhalt
lange auf des Messers Schneide stand, mustergültig restauriert
in die städtebauliche Planung einbezogen, musste die Brücke
letztlich aus Kostengründen abgerissen werden. Alle übrigen
Gebäude wurden ohne wenn und aber geschleift, um Platz für
die gewerbliche und private Bebauung zu schaffen. Natürlich wurde
auch das obligate Einkaufszentrum nicht vergessen.

1981.05.19-Falkenstein-Blick zum Lokschuppen
(Kandler)

1986.07.14-Falkenstein-Blick zum Lokschuppen
(Kandler)
Heute hält allein der für Kunstausstellungen genutzte Lokschuppen
die Erinnerung an die Eisenbahn in Falkenstein aufrecht – und
der Falkensteiner Bahnradweg mit seinen eisenbahntypischen Baulichkeiten
wie dem „Radlbahnhof“ Hauzendorf. So zweckmäßig
der Bahnradweg auch sein mag, kann dieser nur ein schwacher Trost gegen
das Vergessen einer Lokalbahn in einer ungemein reizvollen Landschaft
sein. Im Sinne des Streckenerhalts wurden seinerzeit die Zeichen der
Zeit jedenfalls verschlafen.
Udo Kandler
Anmerkung:
Auch das große Bahnbedienstetenhaus in der Straubinger Straße
existiert noch und ist den Falkensteinern heute als "Das alte Bahnhaus"
bekannt.